Olympia 2008
Verfasst: So 23. Mär 2008, 23:13
Dieses Forum soll nicht nur gegen Rechts sondern generell ein Raum für politische Themen sein...
Also möchte ich ein aktuelles Thema anschneiden - Tibet,China und die Olympischen Spiele in Beijing.
Ich poste hier einfach mal einen sehr guten Artikel unserer Chefredakteurin Maria-Xenia Hardt!
Mogelpackung
Kommentar zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking
Von Maria-Xenia Hardt
Eine Freundin von mir war in den Herbstferien in China, zwei Wochen lang, die erste so austauschmäßig, in der zweiten haben sie eine Rundreise gemacht. Von den Lebensbedingungen waren alle negativ überrascht bis geschockt, insbesondere von den Schulklos, dem immensen Smog (die chinesischen Schülerinnen haben noch nie in ihrem Leben blauen Himmel gesehen) und der engen Bebauung. Die meisten Großstädte sind zugepflastert mit Hochhäusern unterschiedlicher baulicher Qualität, von marode bis futuristisch. Grünflächen gibt es keine oder kaum, in Shanghai und den anderen Millionenmetropolen – außer in Peking, da gibt es wohl richtig schöne Parks. Kein Wunder, hab ich gesagt, da haben sie ja auch schon alles abgerissen, für die olympischen Sommerspiele.
Beijing 2008, das wird bestimmt super. Es wird eine rauschende Eröffnungsfeier geben, das Fernsehen wird begeisterte Chinesen filmen und interviewen, internationale Gäste werden sich positiv über die spitzenmäßige Organisation äußern und es wird tolle Wettkämpfe geben, die bestenfalls durch die ein oder andere Dopingmeldung gestört werden.
Alle werden von der Gastfreundlichkeit Chinas schwärmen, niemand wird über Schulklos oder fehlende Grünflächen geschockt sein. Es wird wenig geben, was das perfekte Bild stören könnte:
Die nach Amnesty International drei bis vier Millionen Wanderarbeiter, die zu Dumping-Löhnen die Stadien bauten, werden für die Dauer der Spiele ebenso der Stadt verwiesen wie Bettler und Menschen mit geistiger Behinderung (!). Peking soll im Glanze der reichen Oberschicht, der durch Abriss, Umsiedlung und Enteignung entstandenen Parks und eines blauen Himmeln erstrahlen. Dass es den gibt, wurde und wird bezweifelt, aber wahrscheinlich schafft es China, auch den zu gewährleisten, freilich nur während Olympia, nach der Schlusszeremonie dürfen die Einwohner wieder genauso vergast werden wie vorher.
Die wenigsten Touristen werden sich fragen, was wohl vor Olympia an der Stelle von repräsentativen Bauten und Parks stand, die wenigsten werden sich fragen, was mit den kleinen Geschäften passiert ist oder mit ihren Besitzer, die wenigsten wird interessieren, wie viele von ihnen im Gefängnis sitzen, weil sie gegen die Zwangsenteignung protestiert haben.
Dabei hat doch die Organisation COHRE (Centre of Housing Rights and Evictions) über Zwangsenteignung berichtet, genauso wie Amnesty International über Menschenrechtsverletzungen (weltweit höchste Zahl vollstreckter Todesstrafen) und Reporter ohne Grenzen über Zensur zu informieren versuchte. Am Anfang dachten viele solcher Organisationen, dass man in China einiges verbessern könnte, wenn die Aufmerksamkeit dank der olympischen Spiele geweckt würde und die Menschen sich nicht nur für die Billigwaren, sondern auch für das Schicksal der Chinesen interessieren – der wirtschaftliche Aufschwung Chinas hat noch nicht einmal den Mittelstand erreicht. Das scheint ein Trugschuss gewesen zu sein, denn die wenigsten wissen über den politischen Hintergrund ausreichend bescheid. Millionen werden mit Scheuklappen vor den Fernsehgeräten sitzen und ihren Stars zujubeln.
Es ist eine „selbstverschuldete Unmündigkeit“, die diese Art von Olympischen Spielen, wie sie China auf den Weg bringen wird, erst möglich macht. Die Fans wollen nichts über Unterrückung, nichts über Armut und Todesstrafen, nichts über Zensur und nichts über Menschenrechtsverletzungen wissen. Und China tut ihnen den Gefallen: all diese unangenehmen Dinge sind in der Mogelpackung „Beijing 2008“ nicht enthalten.
Ich will nicht sagen, China habe die Olympischen Spiele nicht verdient. Was ich sagen will ist, dass man auch daran, an diesem Desinteresse der Menschen, erkennt, wie wenig das, was sie „Olympia“ nennen noch mit der ursprünglichen, edlen olympischen Idee zu tun hat.
Die Sportfans wollen die Menschenrechtsverletzungen ebenso wenig sehen wie den Dopingsumpf, im Gegenteil, sie feiern das Phänomen „Peking 2008“ ebenso wie ihre vermeintlichen Helden und machen sich so selbst zu Mitschuldigen.
Warum dopen Sportler? Weil sie sich nach Ruhm und Ehre sehnen und weil dieser Ruhm ihnen nur zuteil wird, wenn sie der erste, der beste sind. Die Menschen lieben nur die Helden.
Warum wurde China nicht geradezu gezwungen, etwas für die Umwelt und die Menschenrechte zu tun? Weil die Fans den Glanz lieben, nicht den Schatten, den die Auseinandersetzung mit solch unangenehmen Dingen auf ein Event wirft.
Wird ein Dopingfall aufgedeckt, sind alle empört und sehen nicht, dass sie selbst Mitverursacher sind.
Sollte während der Olympischen Spiel 2008 tatsächlich eine Situation eintreten, in der die von verschiedenen Organisationen aufgezeigten Probleme mit der Gewalt eines Wirbelsturms in das Bewusstsein aller eindringen wird, werden alle entsetzt sein und nicht verstehen, dass oder warum sie nicht unschuldig daran sind.
Es ist schade, dass die Bewohner dieses Platen so ignorant sind, denn die Vergabe der Spiele an Peking hätte eine große Chance sein können, all diese „unangenehmen Dinge“ zu ändern statt sie zu vertuschen und über sie hinwegzusehen. Nur: Wenn sich alle die Ohren zuhalten, auch und erst recht die Europäer und das IOC, können Amnesty, Greenpeace und Reporter ohne Grenzen so laut rufen wie sie wollen.
Also möchte ich ein aktuelles Thema anschneiden - Tibet,China und die Olympischen Spiele in Beijing.
Ich poste hier einfach mal einen sehr guten Artikel unserer Chefredakteurin Maria-Xenia Hardt!
Mogelpackung
Kommentar zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking
Von Maria-Xenia Hardt
Eine Freundin von mir war in den Herbstferien in China, zwei Wochen lang, die erste so austauschmäßig, in der zweiten haben sie eine Rundreise gemacht. Von den Lebensbedingungen waren alle negativ überrascht bis geschockt, insbesondere von den Schulklos, dem immensen Smog (die chinesischen Schülerinnen haben noch nie in ihrem Leben blauen Himmel gesehen) und der engen Bebauung. Die meisten Großstädte sind zugepflastert mit Hochhäusern unterschiedlicher baulicher Qualität, von marode bis futuristisch. Grünflächen gibt es keine oder kaum, in Shanghai und den anderen Millionenmetropolen – außer in Peking, da gibt es wohl richtig schöne Parks. Kein Wunder, hab ich gesagt, da haben sie ja auch schon alles abgerissen, für die olympischen Sommerspiele.
Beijing 2008, das wird bestimmt super. Es wird eine rauschende Eröffnungsfeier geben, das Fernsehen wird begeisterte Chinesen filmen und interviewen, internationale Gäste werden sich positiv über die spitzenmäßige Organisation äußern und es wird tolle Wettkämpfe geben, die bestenfalls durch die ein oder andere Dopingmeldung gestört werden.
Alle werden von der Gastfreundlichkeit Chinas schwärmen, niemand wird über Schulklos oder fehlende Grünflächen geschockt sein. Es wird wenig geben, was das perfekte Bild stören könnte:
Die nach Amnesty International drei bis vier Millionen Wanderarbeiter, die zu Dumping-Löhnen die Stadien bauten, werden für die Dauer der Spiele ebenso der Stadt verwiesen wie Bettler und Menschen mit geistiger Behinderung (!). Peking soll im Glanze der reichen Oberschicht, der durch Abriss, Umsiedlung und Enteignung entstandenen Parks und eines blauen Himmeln erstrahlen. Dass es den gibt, wurde und wird bezweifelt, aber wahrscheinlich schafft es China, auch den zu gewährleisten, freilich nur während Olympia, nach der Schlusszeremonie dürfen die Einwohner wieder genauso vergast werden wie vorher.
Die wenigsten Touristen werden sich fragen, was wohl vor Olympia an der Stelle von repräsentativen Bauten und Parks stand, die wenigsten werden sich fragen, was mit den kleinen Geschäften passiert ist oder mit ihren Besitzer, die wenigsten wird interessieren, wie viele von ihnen im Gefängnis sitzen, weil sie gegen die Zwangsenteignung protestiert haben.
Dabei hat doch die Organisation COHRE (Centre of Housing Rights and Evictions) über Zwangsenteignung berichtet, genauso wie Amnesty International über Menschenrechtsverletzungen (weltweit höchste Zahl vollstreckter Todesstrafen) und Reporter ohne Grenzen über Zensur zu informieren versuchte. Am Anfang dachten viele solcher Organisationen, dass man in China einiges verbessern könnte, wenn die Aufmerksamkeit dank der olympischen Spiele geweckt würde und die Menschen sich nicht nur für die Billigwaren, sondern auch für das Schicksal der Chinesen interessieren – der wirtschaftliche Aufschwung Chinas hat noch nicht einmal den Mittelstand erreicht. Das scheint ein Trugschuss gewesen zu sein, denn die wenigsten wissen über den politischen Hintergrund ausreichend bescheid. Millionen werden mit Scheuklappen vor den Fernsehgeräten sitzen und ihren Stars zujubeln.
Es ist eine „selbstverschuldete Unmündigkeit“, die diese Art von Olympischen Spielen, wie sie China auf den Weg bringen wird, erst möglich macht. Die Fans wollen nichts über Unterrückung, nichts über Armut und Todesstrafen, nichts über Zensur und nichts über Menschenrechtsverletzungen wissen. Und China tut ihnen den Gefallen: all diese unangenehmen Dinge sind in der Mogelpackung „Beijing 2008“ nicht enthalten.
Ich will nicht sagen, China habe die Olympischen Spiele nicht verdient. Was ich sagen will ist, dass man auch daran, an diesem Desinteresse der Menschen, erkennt, wie wenig das, was sie „Olympia“ nennen noch mit der ursprünglichen, edlen olympischen Idee zu tun hat.
Die Sportfans wollen die Menschenrechtsverletzungen ebenso wenig sehen wie den Dopingsumpf, im Gegenteil, sie feiern das Phänomen „Peking 2008“ ebenso wie ihre vermeintlichen Helden und machen sich so selbst zu Mitschuldigen.
Warum dopen Sportler? Weil sie sich nach Ruhm und Ehre sehnen und weil dieser Ruhm ihnen nur zuteil wird, wenn sie der erste, der beste sind. Die Menschen lieben nur die Helden.
Warum wurde China nicht geradezu gezwungen, etwas für die Umwelt und die Menschenrechte zu tun? Weil die Fans den Glanz lieben, nicht den Schatten, den die Auseinandersetzung mit solch unangenehmen Dingen auf ein Event wirft.
Wird ein Dopingfall aufgedeckt, sind alle empört und sehen nicht, dass sie selbst Mitverursacher sind.
Sollte während der Olympischen Spiel 2008 tatsächlich eine Situation eintreten, in der die von verschiedenen Organisationen aufgezeigten Probleme mit der Gewalt eines Wirbelsturms in das Bewusstsein aller eindringen wird, werden alle entsetzt sein und nicht verstehen, dass oder warum sie nicht unschuldig daran sind.
Es ist schade, dass die Bewohner dieses Platen so ignorant sind, denn die Vergabe der Spiele an Peking hätte eine große Chance sein können, all diese „unangenehmen Dinge“ zu ändern statt sie zu vertuschen und über sie hinwegzusehen. Nur: Wenn sich alle die Ohren zuhalten, auch und erst recht die Europäer und das IOC, können Amnesty, Greenpeace und Reporter ohne Grenzen so laut rufen wie sie wollen.